Fragen & Antworten

Dieses Interview entstand im Gründungsjahr 2004 mit unserer Initiatorin und 1. Vorsitzenden Ute Kretschmer-Risché, das auszugsweise in verschiedenen Medien veröffentlicht wurde. Die Inhalte haben nichts an ihrer Aktualität verloren, wenn sich auch einige Punkte geändert haben. So bieten wir zum Beispiel längst eigene Vorlese-Schulungen an und nicht über das Märchenzentrum Sterntaler. Doch lesen Sie selbst, wie alles begann und was uns wichtig ist.

Was ist der Sinn und Zweck von „Leselust in Baden e.V.“?


Kinder und Jugendliche haben heutzutage viele Medien-Angebote, vor allem im elektronischen Bereich: Fernsehen, Computerspiele und Internet. Damit das Bücher lesen bei der allgemeinen Reizüberflutung nicht untergeht, möchten wir zum Schmökern und Vorlesen anregen.

Lesen als Hobby wirkt nicht gerade cool. Wie kann man Kinder und Jugendliche dafür begeistern?

Wer einem Kind seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt wie beim Vorlesen, wird auch immer Begeisterung erleben. Vorlesen kann ein wunderbares Ritual sein.
Das Kuscheln bei einem Bilderbuch, die Gute-Nacht-Geschichte am Bett oder auch der gemeinsame Besuch in Bibliotheken und Buchhandlungen. Selbst bei Jugendlichen kann der Einstieg noch nicht zu spät sein. Die Geschichten von Harry Potter machen es möglich. Oder auch der umgekehrte Einstieg animiert zum Lesen: Zunächst die Verfilmung eines Buches anschauen, dann über die literarische Grundlage sprechen, das Buch lesen und über die eigenen Bilder im Kopf und die Bildes des Filmes reden.

Ist das nicht sehr aufwändig?

Lesen ist kein Fast-Food-Vergnügen. Aber worüber reden wir eigentlich? Es geht schließlich darum, Kindern eine Basis für ihre Entwicklung zu geben. Und zwar auf eine wunderbar entspannende und kreative Art und Weise. Noch Mal: Lesen darf nicht als Muss ausarten. Lesen ist pures Vergnügen!

Und wenn Eltern dafür keine Zeit haben? Oder abends einfach zu müde sind?

Wir sind keine Traumtänzer. Die Realität heißt oft: „Ich will nach einem anstrengenden Tag nur noch meine Ruhe haben ... mach den Fernseher an!“
Schade, aber auch verständlich. Umso wichtiger sind Leseinitiativen wie unsere. Unsere Gesellschaft muss umdenken. Es geht nicht darum zu klagen, wie schlecht die Welt ist, wie wenig Zeit Eltern für ihre Kinder haben oder wie dumm deutsche Kinder laut der Pisa-Studie sind. Vorlesen muss nicht nur in den eigenen vier Wänden passieren. Deshalb rufen wir ja ambitionierte Menschen dazu auf, an verschiedenen Orten, an öffentlichen Plätzen vorzulesen.

Warum engagiert sich die Werbeagentur exakt für die Aktion?

Das hat mehrere Gründe, aber zunächst mal keine wirtschaftlichen. Ganz im Gegenteil. Wir könnten es uns einfacher machen und einfach Geld spenden. Dann hätten wir keine Arbeit und sogar eine Spendenquittung. Aus betriebswirtschaftlichen Gründen sind wir so gesehen blöd. Aber Engagement darf sich nicht nur in Cent und Euro rechnen. Wir haben bei den meisten Bewerbungen auf unsere Ausbildungsstellen erlebt, dass junge Menschen wenig oder gar nicht mehr Lesen. Das merkt man den Bewerbern auch an: Ihr Wortschatz ist unterentwickelt, die Kommunikationsfähigkeit mangelhaft und assoziatives Denken fast unmöglich. Da wir einen guten Nachwuchs möchten, fängt unsere Förderung frühzeitig an.

Sind Sie dabei nicht Schwarzseher?

Nein, ganz im Gegenteil. Pessimismus und Gejammer sind wir leid. Das können wir nicht mehr hören. Als Werbeagentur sind wir auch die Verkünder der positiven Botschaft. Und die lautet: Lesen macht Freude. Lesen macht schlau. Lesen macht tolerant.

Tolerant?

Das ist eine ganz simple Theorie: Wer von anderen und über andere liest, der lernt verschiedene Kultur- und Gedankenwelten kennen. Der kann sich in andere Menschen versetzen und viel über sie erfahren. Das macht tolerant. Im übrigen schafft Sprache und Kommunikation einen regen Austausch. Mit ein Grund für die Berliner Aktion, die mit ihren Vorlesestunden auch ganz gezielt Kinder mit verschiedenen Muttersprachen ansprechen.

Wie ist die Resonanz auf Helferseite, zum Beispiel bei möglichen Vorlesern?

Ganz unterschiedlich. Das Märchenzentrum „Sterntaler“ in Rastatt mit Frau Galitschke war sofort bereit, sich zu engagieren. Es entspricht wohl unserem Zeitgeist, dass viele mit Skepsis auf das Projekt reagieren. Sowohl was unser Engagement angeht, als auch was die eigenen Fähigkeiten betrifft. Da gibt es ganz viel Misstrauen, Verunsicherung und Selbstzweifel. Weit verbreitet ist das Denken, dass keiner mehr aus Uneigennutz handelt, sondern das einfach alles einen Pferdefuß haben muss. Und dann kommt bei vielen Menschen ein Perfektionswahn dazu. „Vorlesen? Das kann ich doch nicht!“ Aber warum sollte man es nicht einfach probieren? Und wer wirklich seine Vorlesestimme schulen möchte, bekommt bei Frau Galitschke ein Schnell-Training! Dazu kann man sich einfach bei uns anmelden!

Kann nicht jeder einfach vorlesen?

Ja, doch! Je findiger wir im Umgang mit Technik werden, desto unfähiger werden wir anscheinend bei ganz simplen Abläufen, die für unsere Vorfahren normal waren. Da hat jede Oma und jeder Opa einfach vorgelesen. Ohne jeglichen Schnickschnack. Selbst bei Kindergeburtstagen geht es oftmals darum, die schrillste Party mit den verrücktesten Einfällen auszurichten. Vielleicht muss es ja heißen: Zurück zu den Wurzeln. Einfach vorlesen und die Kinder in den Bann ziehen!

Wie erfahre ich, welche Bücher für Kinder und Jugendliche geeignet sind?

Zunächst mal gibt es tolle Buchhandlungen in der Region, die Mitarbeiter dort helfen gerne weitere (siehe Liste von empfehlenswerten Buchhandlungen in der Region).
Außerdem gibt es Listen im Internet. Unter „Tipps für Eltern“ haben wir einige Adressen zusammen gestellt. Auch wir möchten hier Lesetipps abgeben. Aber das muss wachsen. Da kann sich jeder gerne beteiligen! Vielleicht finden wir einen Kreis von Menschen in der Region, die ab und an Bücher bewerten und empfehlen!

Aber gibt es nicht schon andere Organisationen, die das Vorlesen fördern?

Ganz bestimmt. Das soll auch nicht zu Konkurrenzveranstaltungen führen. Optimal wäre es, wenn wir das Engagement zusammen führen und uns in der Region unterstützen. Wir sind froh über jede Idee und jeden Anruf!

Welchen Anteil hat die Initiative „Deutschland liest vor“ bei dem regionalen Projekt?

Diese Initiative ist Ideengeber und ermöglicht durch Buchtipps, durch Erfahrungsberichte von anderen regionalen Projekten und durch Medienwirksamkeit den Rahmen. Alles andere kommt hier aus der Region. Die Initiative „Deutschland liest vor“ will zu eigenständigen Projekten anregen und kein organisatorisches Dach bilden!

Für welchen Zweck sammeln Sie Kinder- und Jugendbücher?

Wir rufen zu Sachspenden wie Büchern, natürlich auch gut erhaltenen Büchern, auf. Wir werden diese Bücher an Kinder weiter geben, die noch nie ein eigenes Buch hatten. Das mag sich in unserer zivilisierten Welt eigenartig anhören. Aber es gibt tatsächlich Kinder, die haben noch nie ein Buch geschenkt bekommen. Und wir wissen aus eigener Erfahrung, wie sehr ein solches Geschenk auch die Leselust fördern kann.

Zur Zeit gibt es auch in den Medien einen regelrechten Bücher-Boom.
Wie erklären Sie sich diesen Zeitgeist?


Durch das „Literarische Quartett“ mit Marcel Reich-Ranicki oder auch jetzt mit Elke Heidenreich besetzen Persönlichkeiten das Thema Lesen in der Öffentlichkeit. Das sind Lesevorbilder. Man sieht auch daran, wie Menschen, die viel lesen, redegewandt werden, eine eigene Persönlichkeit bekommen und selbstständige Meinungen vertreten können. Das muss Kindern und Jugendlichen vermittelt werden. Natürlich werden Aktionen wie beim ZDF „Unsere Besten – das große Lesen“ durch den Zeitgeist ausgelöst. Alles muss zur Zeit in Hitlisten und Rankings erfasst werden. Aber allein eine Mehrheitsabstimmung macht aus einem Buch noch nicht „das Beste“. Der Titel „Unsere Liebsten – das große Lesen“ wäre sicherlich treffender. Doch wenn es hilft, „das große Lesen“ auszulösen, dann ist es wenigstens ein Schritt!

Wir reden die ganze Zeit nur von Büchern. Ist nicht auch das Lesen von z. B. Tageszeitungen wichtig?

Auf jeden Fall! Lesen bedeutet einfach, seine Neugierde zu befriedigen. Die meisten Menschen, die viele Bücher lesen, informieren sich fundiert über das Tagesgeschehen. Zeitungen und Zeitschriften sind ein erstklassiges Fundament. Nachrichtensendungen im Fernsehen oder im Radio können gar nicht so in die Tiefe gehen. Internet-News sind auf einem guten Weg. Längere und damit ausführlichere Texte sind für uns aber noch sehr schwer am Bildschirm zu konsumieren. Das ist ein spannender Prozess, wie sich die Medien neu ausrichten und aufeinander abstimmen werden!

Wann startet die Aktion und wie lange läuft sie?

Der Start für die organisatorischen Abläufe ist bereits angelaufen. Wir haben das werbliche Umfeld geschaffen: mit einem eigenen Logo, mit einem Prospekt, mit einem Internet-Auftritt. Und mit etlichen Gesprächen zu den Fragen: Wer macht mit? Wie kann das aussehen?
Eine Laufzeit gibt es nicht, da Bücher kein Verfallsdatum haben, und das Thema immer wichtig ist. Der Erfolg, die so genannte Marktpräsenz, hängt auch davon ab, wie viele Menschen sich engagieren, wie viele Vorleser und Vorleseorte wir finden.

Gibt es einen konkreten Wunsch zum Aktionsstart?

Wir möchten viele begeisterte Menschen finden, die mit uns wiederum Kinder und Jugendliche fürs Lesen begeistern! Das können Rentner sein, die einfach mal irgendwo vorlesen. Oder Väter und Mütter, die sich ganz bewusst einfach mal Zeit für eine Vorlesestunde nehmen. Und das sollten zum Beispiel Unternehmer und Gewerbetreibende sein, die ihren Laden für eine Vorleseaktion zur Verfügung stellen oder die Kinder von Mitarbeitern in ihre Konferenzräume einladen! Es gibt so viele Möglichkeiten. Lesen hat viel mit Kreativität zu tun. Das können wir bei unserer Aktion auch ausleben!

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